Online-Ausstellung „Math goes Art“

DRAKULA 1970/71

In der Galerie von Kate Vass wurde mit Math goes art  eine große Online-Show über Herbert W. Franke eröffnet. Sie zeigt Arbeiten aus drei Serien zur Math Art, in der der Pionier der algorithmischen Kunst die Sprache der Mathematik mit Formeln und Zeichen auf ihr ästhetisches Potential hin untersuchte. 1971 waren es die damals gerade erst theoretisch exakt mathematisch beschriebenen Drachenkurven, fraktale Objekte, die der Pionier der Digitalkunst mit der Serie DRAKULA (für Drachenkurven, überlagert) für künstlerische wie informationsästhetische Experimente einsetzte. Drachenkurven entstehen durch Folgen von Links- und Rechtswendungen nach bestimmten Regeln. Das Programm erlaubt es, Drachenkurven verschiedener Ordnung – oder auch Ausschnitte aus solchen – aneinanderzureihen und zu überlagern. Dabei wurden Links- und Rechtswendungen nicht nur in üblicher Weise durch rechtwinklige Knicke, sondern durch mathematisch definierte Elemente, Dreiecke oder mehrfach gekrümmte Kurvenausschnitte, dargestellt. Diese Elemente wurden so konzipiert, dass bei der Überlagerung deutlich erkennbare neue Formelemente durch Überschneidungen und Anlagerungen entstehen. Das Fortran-Programm DRAKULA schrieb Peter Henne, Gesellschaft für Datenverarbeitung GMD, nach detaillierten Vorgaben von Franke auf einer Siemens 4004.

Zellularer Automat mit rein deterministischem Weltmodell (1992-1995)

In den neunziger Jahren beschäftigte sich Franke mit den Zellularen Automaten, die Stephen Wolfram 1983 in seinem grundlegenden Werk A new Kind of Science vorgestellt hatte. Sie inspirierten Franke dazu, sie für Versuche zur universalen Evolution einzusetzen, denn mit ihnen können Modellwelten mit bestimmten Anfangsbedingungen und ihren zeitlichen Gesetzmäßigkeiten durchgespielt werden. Für Franke ging es dabei zum einen um den ästhetischen Reiz, den diese dynamischen Programme erzeugen, andererseits war für ihn auch von Interesse, den Einfluss von Zufall auf solche sonst streng deterministisch ablaufenden Prozesse zu erforschen. Denn der theoretische Physiker ist überzeugt davon, dass in unserer Welt der echte Zufall eine Rolle spielt, also die Welt nicht deterministisch abläuft – und daher auch prinzipiell nicht vorhersehbar ist.

Zellularer Automat mit eingestreutem Zufalls (1992-1

So nutzte Franke für seine Experimente in den neunziger Jahren auch Modelle mit „eingestreutem“ Zufall, der hin und wieder die Abläufe verändert. Für Franke zeigen diese Versuche nicht nur, dass eine Welt mit Zufall deutlich variabler ist. Es offenbarte sich auch, dass deterministische Modelle stark zu Erstarrung führen. Über die nur philosophisch diskutierbare Frage, ob es echten Zufall in unserer Welt gibt oder auch nicht, hat der Physiker 1995 im Insel-Verlag das Fachbuch Das P-Rinzip veröffentlicht.

Als dritte Serie sind Motive mit Lissajous-Figuren zu sehen, deren Mathematik schon im 19. Jahrhundert theoretisch erfasst worden waren. Franke nutzte für diese 3D-Werke Lissajous-Figuren als mathematische Basis, unterzog die mathematischen Strukturen dann aber in einem weiteren Arbeitsschritt Verzerrungen.

Ein Motive der Werkserie Lissajous