Zum Inhalt springen
Startseite » Ich über mich: Herbert W. Franke

Ich über mich: Herbert W. Franke

Historische Manuskripte – Herbert W. Franke-Archiv im ZKM

Herbert W. Franke (1978)

In meinem Schreibtisch, bereit zum allgefälligen Gebrauch, liegen drei verschiedene Lebensläufe. Schlimm genug, wenn ich sie einmal verwechsle. Denn ich habe mich zu Aktivitäten in einigen Bereichen entschieden, die jeweils den Anhängern der anderen höchst absonderlich vorkommen. 

Das erste Betätigungsfeld, aus einer Liebhaberei entstanden, betrifft die rationale Ästhetik, die apparative Kunst, den Computer als Gestaltungsinstrument. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich ein wenig bequem und ungeduldig bin – etwas mit der Hand zu Papier zu bringen widert mich an, weil es so langsam geht. Ganz anders der programmgesteuerte Zeichenautomat oder, noch besser, der elektronische Plotter: Kaum hat man den Gedanken zu Ende gedacht, ist er schon schwarz auf weiß niedergelegt, und oft genug anders, als man es sich vorgestellt hat. Gelegenheit zu faszinierenden Experimenten!

Mein zweites Betätigungsfeld, aus einer Liebhaberei entstanden, ist die Speläologie, auf deutsch Höhlenkunde. Als Wissenschaftler berufe ich mich natürlich auf all die interessanten Probleme, die mit Raumformen, Ablagerungen von Tropfstein usw. zusammenhängen. In all dem spiegelt sich die Erdgeschichte und das Klima der letzten Millionen Jahre – man kommt sich wie ein Detektiv vor, der das Tatgeschehen aus Spuren rekonstruiert. In Wirklichkeit aber ist es natürlich der Lockruf des Unbekannten, die riesigen dunklen Räume, das dreidimensionale Labyrinth, das mich anzieht und zur Teilnahme an vielen Expeditionen verleitet.

Das dritte Betätigungsfeld, aus einer Liebhaberei entstanden, ist besonders schockierend: Science Fiction. Auch dieses in Beruf ausgearbeitete Hobby kann ich rechtfertigen: Viele junge Menschen werden erst durch das Medium Science Fiction mit Zukunftsfragen konfrontiert. Es ist nun keineswegs gleichgültig, ob sie damit mit der wirklichen Problematik vertraut werden oder ob man ihnen Pseudowissen und Phantastereien vermittelt. Der oft gegebene Rat, diese Bildungsaufgabe über Sachbücher zu vollziehen, hilft wenig – man braucht nur die Zahl der Leser, die Science-Fiction-Bücher lesen, mit der Zahl jener, die Sachbücher lesen, zu vergleichen. Außerdem wissen mit der in Formeln verkleideten Beschreibung nur wenige etwas anzufangen. Eine Meeresspiegelschwankung um fünf Meter, eine Abweichung der Temperatur um zwei Grad – was bedeutet das schon? In der Science-Fiction-Geschichte konkretisiert sich das zu unvorstellbarem Schicksal, das sonst nur Papier bleibt. Aber ist es das wirklich, das mich dazu bringt, Science-Fiction-Bücher zu schreiben? Für mich ist es auch noch etwas anderes: Gedankenspiel, ein Durchbrechen der uns gesetzten Grenzen, der Entwurf phantastischer Welten in anderen Räumen und Zeiten …

Damit bin ich endlich bei dem angelangt, was ich als meine zentrale Aufgabe ansehe, und in gewissem Sinn haben auch meine Hobbys damit zu tun. Ich bin Naturwissenschaftler und Kybernetiker, und alles was ich innerhalb und außerhalb meines Berufs treibe, hat mit dem leidenschaftlichen Wunsch zu tun, der Welt, in der wir leben, ein wenig unter die Oberfläche zu blicken – in jene Regionen, die unseren Blicken nicht ohne weiteres offen liegen. Es hat wohl einen Grund, dass ich eine Dissertation über ein Thema der Elektronenoptik schrieb, eine technische Wissenschaft, deren Hauptziel es ist, das Unsichtbare sichtbar zu machen.

Ich studierte an der Wiener Universität, begann mit Physik, Chemie und Mathematik. Und nahm später auch noch Astronomie und Psychologie hinzu. Auch eine Philosophie-Vorlesung musste ich besuchen, denn damals war die Naturwissenschaft noch in den Kreis der Philosophie mit einbezogen, und zum Erwerb des Doktors – Dr. phil – war auch ein „Philosophicum“ vorgeschrieben. Ich erinnere mich noch, daß ich, auf der Suche nach einem interessanten Thema, in das Auditorium maximum geriet, wo rund 2000 Studenten dem Gelehrten am Katheter lauschten. Gerade als ich die Tür öffnete, schollen mit die Worte „…die Seele des Atoms …“ entgegen. Worauf ich das Lokal verließ. Ich fand dann in einem alten Seitenteil des Gebäudes einen winzigen Hörsaal. Dort hielt der letzte aus dem Kreis der Wiener Philosophen-Schule um Wittgenstein seine Vorlesung über Wertesysteme, und hier fand ich das, was ich mir unter Philosophie vorstelle – etwas, was mit den Einsichten der Naturwissenschaft verträglich ist.

In letzten Jahren hat sich immer deutlicher herausgestellt, dass es nicht nur die Aufgabe des Naturwissenschaftlers ist, Wissen zu erwerben, sondern auch, es zu verbreiten. Das ist in den letzten Jahrzehnten immer schwerer geworden, denn die Wurzeln des Geschehens in unserer Welt liegen in abstrakten Bereichen, am ehesten noch durch Formeln, mit Hilfe der Mathematik ausdrückbar. Aber auch das ist ein Stück Wirklichkeit, das sich im Leben eines jeden Einzelnen niederschlägt, und so entsteht das Problem, die Fachsprache in eine allgemein verständliche Ausdrucksweise zu übersetzen. Die Art und Weise, wie das am besten geschieht, hat mich lange beschäftigt.

Der Schlüssel zur öffentlichen Wissenschaft dürfte in zwei Punkten liegen: In der Vereinfachung und in der Veranschaulichung. Beide Punkte sind umstritten. Ist es erlaubt, die erwiesene Komplexität der Zusammenhänge unvollständig und vergröbert wiederzugeben? Viele Fachleute antworten hier strikt mit „nein“. Für mich ergab sich die Antwort aus einem Vergleich mit der Art und Weise, wie Menschen überhaupt Wissen erwerben können. Geht man der Sache weiter nach, so stellt sich heraus, daß es niemand gegeben ist, beliebige Komplexität auf einen Schlag zu verarbeiten. Allein durch die Art unseres Wahrnehmens und Denkens ist es bedingt, daß man stets – auch wenn man sich dessen nicht bewußt ist – von einfachen Denkbildern zu komplizierten übergeht. Diese Erkenntnis wird übrigens durch einen Satz des Kybernetikers Helmar Frank bestätigt, den er in seinem Buch über „Kybernetik und Philosophie“ schrieb. Gemeint ist die Regel der sukzessiven Modelle; sie besagt, dass es möglich ist, sich der Wirklichkeit durch eine Folge von Modellen zu nähern, wenn es gelingt, diese Schritt für Schritt zu verfeinern. Daher ist es auch erlaubt, von relativ groben Näherungen auszugehen – wenn in ihnen die Möglichkeit der schrittweisen Verfeinerung liegt.

Zum zweiten Problem: Die Visualisierung, wie man das heute nennt. Atome als Kügelchen dargestellt, die chemische Verbindung durch Häkchen symbolisiert … eine Schreckensvision für Puritaner. Auf der anderen Seite: Wir haben nichts anderes als Vorstellungen – insbesondere die visuellen -, mit denen wir Wissen erfassen können. Auch hier kommt es also nicht darauf an, die Wirklichkeit zu erkennen, wie sie ist, sondern um eine adäquate Transformation in eine uns gemäße Ausdrucks- und Vorstellungsweise. Auch Veranschaulichungen sind Modelle, und hier kommt es darauf an, ob sie funktionale Abbilder des an sich unvorstellbaren Geschehens sind, das dahintersteckt.

Das Unsichtbare sichtbar machen, das Unvorstellbare auszudrücken, das Unbekannte erkennen … an dieser Stelle verschmilzt die Naturwissenschaft mit der Philosophie und mit der Kunst. Und wenn ich es aus einer ganz persönlichen Sicht betrachte, dann finden sogar meine Liebhabereien einen logischen Platz in jenem Niemandsland, in dem sich alle diese Bestrebungen überschneiden. So versuche ich es mir zurecht zu legen – wie jeder, der in dem, war er tut, einen Sinn sehen will.