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Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe

5. Juli 2007

ART MEETS SCIENCE

Martin Heidegger nannte sie noch die „uneigentliche Welt“, die Welt der Medien – ganz dialektisch zur Realität. Heute kann man das längst nicht mehr so scharf trennen. Die modernen Erkenntnisse der Hirnforschung entschlüsseln die Geheimnisse der Wirkungsweise des menschlichen Gehirns. Und wir stellen dabei fest, dass das Hirn weit weniger zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden kann, als wir vermutet hatten. Schon hat sich im Internet eine Parallelwelt etabliert, die unter dem einprägsamen Titel „Second Life“ eine virtuelle Lebensumwelt schafft, in die man sich nicht nur virtuell zurückziehen kann, sondern die sich auch sehr real für Geschäfte und finanzielle Transaktionen eignet. Gleichzeitig stellt die Technik immer bessere Methoden zur visuellen Simulation der Wirklichkeit bereit, die uns als Augenwesen so echt erscheinen, dass wir kaum noch den Unterschied zur Realität erkennen. Wir können heute – mit dem Datenhandschuh ausgerüstet – scheinbar physisch Räume betreten, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Morgen brauchen wir dafür keinen Datenhandschuh mehr, sondern können die Informationen online ins Gehirn transportieren.

Wie hat sich der Wirkungskreis des Menschen durch die Entwicklung der Medien und der Mobilitätstechnologien im Lauf der Evolution doch vergrößert! Ursprünglich war die Welt des Menschen ausschließlich auf jenen lokalen Umkreis beschränkt, den er als mobiles Lebewesen selbst erfahren und erleben konnte. Aber die Möglichkeit, sich mittels Sprache zu verständigen, erweiterte das Blickfeld der eigenen Welt von der selbst erfahrenen Erkenntnis erstmals um vermittelte‘ Informationen: Sie entstammen der Realität eines anderen Menschen, der sie — durch den Filter des eigenen Bewusstseins und des eigenen Ausdrucksvermögens verändert — weitergibt. Die Sprache als wesentlicher Schlüssel des menschlichen Selbstverständnisses. Für den Philosophen Karl Popper schuf sie gar erst die Voraussetzung dafür, dass der Mensch Selbstbewusstsein und Selbstreflexion überhaupt entwickeln konnte.

Mit den technologischen Mitteln der Informations- und  Kommunikationsgesellschaft kann jeder Einzelne an jedem Punkt der Erde das Wissen der gesamten Welt verfügbar zu machen; gleichzeitig kann jeder schon heute beinahe überall und jederzeit mit jeden anderen Menschen dieser Erde in Kontakt treten. Die für ihn telepräsente Welt hat sich vom eigenen Ich auf den gesamten Erball aufgebläht und wird künftig noch weiter in den Raum des Universums expandieren. Dazu benötigt der Mensch allerdings technoide Hilfsmittel, die die von Natur aus lokal begrenzte Wahrnehmungstätigkeit seiner Sinne erweitern.

Die „totale“, wenn auch nur virtuell existierende Freiheit, die diese Vernetzung schafft, hat informations-psychologisch weit reichende Konsequenz: der Einfluss vermittelter Information und Kommunikation steigt für jeden Einzelnen dramatisch, während sich gleichzeitig die Bedeutung direkter Wahrnehmung, eigener Erfahrung und interpersoneller Kommunikation deutlich reduzieren. So, wie wir unser Wissen über diese Welt in immer kleinere und immer größere Dimensionen des Universums entfaltet haben, die für uns nicht mehr direkt erfahrbar oder gar überprüfbar sind, so also wird auch das Abbild der Wirklichkeit, das jeder Einzelne in sich trägt, in immer stärkerem Maß nicht mehr von seiner eigenen Wahrnehmung, sondern von medial übermittelten Informationen geprägt.

Mit dreidimensionalen Simulationen und Anwendungen im Cyperspace ist der Mensch dabei, neben der Realität weitere – wenn auch nur virtuell-fiktive – Wirklichkeiten aufzubauen, in die sich der Mensch zurückziehen kann. Herbert W. Franke hatte schon 1979 mit „Sirius Transit“ einen Roman veröffentlicht, in dem das Thema Cyberspace mit der Schaffung fiktiv-medialer Erlebniswelten im Mittelpunkt stand, lange bevor der Begriff des Cyberspace von William Gibson geprägt wurde. Welche gesellschaftlichen Auswirkungen die Entwicklung der Medien haben kann, ist von ihm vielfach und in unterschiedlichen Modellen für Geschichten und Romane, aber auch in medienwissenschaftlichen Betrachtungen aufgegriffen worden.

Begrüßung Peter Weibel
Einführung Susanne Päch
Talk mit Peter Mettler, Peter Deufelhard, Herbert W. Franke und Susanne Päch (von links) und Blick in den Zuschauerraum (unten)

Autoren-Lesung Herbert W. Franke
Video-Doku des Talks

Prof. Dr. h.c. Peter Weibel | Vorstand ZKM

Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Deuflhard
Präsident des Konrad-Zuse-Zentrums für Informationstechnik, Berlin
Prof. Dr. Peter Mettler
Fachhochschule Wiesbaden, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Prof. Dr. Herbert W. Franke
Moderation Susanne Päch

Autoren-Lesung Sprung ins Nichts

Herbert W. Franke
Sprung ins Nichts