Ornamentale Strukturen

Unter dem Titel Ornament = Crime? wurde im Sommer 2017 das Museum der spanischen Stiftung Per Amor a l’Art in Valencia eröffnet. Die private Kunst-Sammlung hat mit dem Ausstellungsgelände Bombas Gens – einer ehemaligen Fabrik für die Herstellung von Pumpen – ein grandioses Zuhause erhalten. Auf mehr als 6000 Quadratmetern werden der Öffentlichkeit  in wechselnden Ausstellungen sowohl  die Werke der Sammlung sowie Präsentationen eingeladener Gäste zugänglich gemacht.

Das Bombas Gens Kunstzentrum in Valencia – Foto: Bombas Gens
 Die Ausstellungshalle Ornament = Crime? – Foto: Bombas Gens

Für die Stiftung arbeitet mit Vicente Tidolí der frühere Direktor des Museums Tate Modern in London als international renommierter Experte. Er ist Berater der Kunst-Stiftung und hat zusammen mit der Sammlungs-Direktorin Nuria Enguita Mayo die Eröffnungs-Ausstellung kuratiert. Ornament = Crime? setzt sich mit dem berühmten Slogan des Wiener Architekten Alfred Loos auseinander, mit dem dieser am Anfang des 20. Jahrhunderts an die Öffentlichkeit trat. Loos gilt als Wegbereiter der klassischen Moderne und hat am Anfang des 20. Jahrhunderts den sich entwickelnden Stil der Neuen Sachlichkeit mit geprägt. Die daraus erwachsene, ganz neue Forderung, die Form habe sich der Funktion unterzuordnen, hat Loos in seiner berühmten Schrift Ornament und Verbrechen schon am Beginn der neuen Kunstrichtung auf die Spitze getrieben. Der von ihm mitgestaltete Modernismus der Neuen Sachlichkeit, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts als großer Gegentrend zum  Jugendstil durchzusetzen begann, verurteilte das Ornament, ja jegliches dekoratives Element als überflüssig für die Kunst und missbilligte das dekorative Element ganz generell als Mittel der Ästhetik. In der Malerei führte dieser Stil bis zum abstrakten Minimalismus.

In der Ausstellung im Bombas Gens soll nun gezeigt werden, dass Künstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ornamentale Strukturen sowie den reichen Formenschatz der Natur wiederentdeckt und dabei durchaus auch ins Spannungsfeld zur Abstraktion gesetzt haben. 

Herbert W. Franke beim Besuch im Bombas Gens vor dem Bilderset verschiedener Arbeiten – Foto: Bombas Gens

Es  sind zahlreiche Beispiele zu sehen, wie sich Künstler seit den fünfziger Jahren bis jetzt mit dieser ungewöhnlichen, dialektischen  Beziehung zwischen Ausschmückung und Abstraktion auseinandergesetzt haben. Ein Schwerpunkt der Exponate wie der Sammlung ist dabei die Fotografie als Kunstform. So gibt es in der Ausstellung, die noch bis Ende Februar zu sehen ist, Fotografien des menschlichen Körpers ebenso wie florale Motive, beispielsweise von Karl Blossfeldt, einem deutschen Fotografen, der mit formalen Pflanzenfotografien bekannt wurde. 

Gezeigt wird auch eine Bildgruppe der frühen Experimente des österreichischen Physikers und Künstlers Herbert W. Franke. Ihm ging es bei seinen künstlerischen Fotoarbeiten nicht um den Formenschatz der sichtbaren Natur. Franke sagt: „Mich interessierten die Bereiche der Natur, die sich dem Auge entziehen und die erst mit Werkzeugen der wissenschaftlichen Fotografie sichtbar werden. Dazu zählen beispielsweise Schwingungen von Elektronen.“ Insofern steht Franke in der Tradition von Ernst Haeckel, der 1899 in Kunstformen der Natur mit Hilfe eines Mikroskops erstmals den Formenschatz der bis dahin unsichtbaren Mikrowelt aufdeckte und zeichnerisch festhielt. Doch Franke geht über die reine Abbildung der natürlichen Schönheit Haeckelscher Prägung hinaus. Er nutzt solche Methoden nicht nur zur Abbildung des Unsichtbaren, sondern gestaltet sie unter ästhetischen Gesichtspunkten, um mit apparativer Hilfe rein künstlerische, also ästhetisch wirkende Bilder zu erzeugen. So wurden mehrere dieser Motive  mit einem Analogrechner gestaltet und anschließend mit bewegter Kamera vom Bildschirm eines Oszillographen aufgenommen.