Projektstart zum 99. Geburststag des Visionärs
Herbert W. Frankes elektronische Kunst aus den 1950ern mit KI in immersive Welten gebracht
Forschungsprojekt der Stiftung art meets Science – Herbert W. Franke in Kooperation mit der KI-Künstlerin Huichuan Wang, Alumni und Teaching Assistent im MFA-Studiengang Computational Arts an der Goldsmiths University.
Künstlerische Kuratoren: Prof. William Latham (Goldsmiths University) und Dr. Rachel Falconer (Leiterin des Fachbereichs Creative Technology, Goldsmiths University)
Heute feiert die Stiftung Herbert W. Frankes 99. Geburtstag – mit der Ankündigung eines auf mehrere Monate angelegten außergewöhnlichen Forschungsprojekts in Zusammenarbeit mit Huichuan Wang – einer Künstlerin, die an der Goldsmiths, University of London, tätig ist. Das Projekt verfolgt drei Ziele:
– erstens: die Analyse von Frankes frühen generativen Fotografien mithilfe von KI;
– zweitens: die Definition von Algorithmen auf der Grundlage von Frankes theoretischem Rahmenwerk;
– und drittens: die werkgetreue Generierung einer dynamisch-immersiven Sequenz aus diesen historischen Werken.
Die Stiftung Herbert W. Franke initierte das Projekt gemeinsam mit William Latham, ein Pionier der Computeranimation und langjähriger Weggefährte Frankes. Das Ergebnis des Projektes soll im Rahmen von Veranstaltungen im Jahr 2027 präsentiert werden – zu Ehren von Frankes 100. Geburstag.



Das Forschungsprojekt konzentriert sich auf Frankes generative rund zweitausend Fotografien aus den ersten zehn Jahren (1953–1962), die von der Stiftung bereits vollständig digitalisiert wurden. Zu diesen frühen Kunstwerken zählen mehrere Serien wie Lichtformen, Wellenformen und die Serie Color sowie die Oszillogramme und der Tanz der Elektronen – beide mithilfe eines Analogrechners auf einem Oszillographen elektronisch realisiert. Wie moderne Quantencomputer arbeitet auch ein Analogrechner mit physikalischer, eben „analoger“ Modellierung von Lösungen: Herbert W. Franke verrechnete mit seinem Analogrechner elektrische Signalflüsse zu komplexen Schwingungsgefügen, die er vom Oszillographen abfotografierte. Diese künstlerischen Experimente führten ihn auch zu einem auf der Mathematik basierenden theoretischen Rahmenwerk, das Franke erstmals 1957 in seinem Buch Kunst und Konstruktion veröffentlichte. Dieses wird in der Edition Herbert W. Franke noch 2026 vom DKV in Zusammenarbeit mit der Stiftung erstmals in Englisch erscheinen.



Dort schrieb Franke, dass in der Aufstellung von mathematischen Gesetzen und Algorithmen der schöpferische Akt dieser „neuen Kunst“ liegt. Alles andere sei letztlich kreativ irrelevant, da die für Kunst ebenfalls erforderlichen Zufallsprozesse mit Maschinen erzeugt werden könnten. In diesem Buch beschreibt Franke aber auch ein Problem dieser neuen, generativ gestalteten Kunstproduktion, das zu seiner Zeit noch unlösbar war: Obwohl die Mathematik mehrdimensionale Strukturen von großer Schönheit beschreibt, ließen sich damals lediglich zweidimensionale Schnitte künstlerisch visualisieren. Er bezeichnete dies als eine „noch“ unüberwindliche Grenze.



Diese Aussage bildet nun das Herzstück des Projekts, denn diese Grenze seiner Werke wollen wir jetzt mithilfe eines Modells der Künstlichen Intelligenz überwinden. Um dies zu erreichen, setzt Huichuan Wang ein lokal ausgeführtes Diffusionsmodell ein, das im latenten Raum operiert. Für die neue generative Schöpfung werden zu keinem Zeitpunkt Text-Prompts verwendet; um Werktreue zu sichern, dienen als Input ausschließlich Frankes historische Fotografien. Das Modell erlernt das Verständnis ihrer inneren mathematisch fassbaren Logik und erzeugt damit einen von der Künstlerin kontrollierten Output. Der Fortschritt dieser KI-Entwicklungsarbeit wird gemeinsam mit den Kuratoren und der Stiftung erörtert und im Rahmen eines mehrmonatigen Forschungsprojekts an die Bildsprache der verschiedenen Serien angepasst.
Die Grundlage des Projekts bildet der theoretische Rahmen, der von Franke in Kunst und Konstruktion formuliert wurde, der nun mit Hilfe der AI für die Visualisierung immersiver Welten erweitert werden kann. Huichuan Wang erläutert den dafür aufgebauten Prozess: „Das Modell komprimiert jedes Bild in einen mathematischen Raum von mehreren hundert Dimensionen. In diesem Raum entspricht jedes Bild einem Punkt, ähnliche Bilder gruppieren sich räumlich nah beieinander. Die Geometrie dieses Raumes entsteht ausschließlich durch die Trainingsdaten, die Frankes visuelle Logik widerspiegeln. Dazu zählen die Vorliebe für kontinuierliche Kurven, die Logik der Superposition sowie das Spannungsverhältnis zwischen Ordnung und statistischer Unordnung.“

William Latham, einer der beiden Projekt-Kuratoren, kommentiert: „Ich kannte Herbert seit Jahrzehnten. Die Lektüre seines bahnbrechenden Buches Computer Graphics – Computer Art aus dem Jahr 1971 hatte auf mich als Student einen enormen Einfluss und war einer der Gründe, warum ich mich überhaupt der Computerkunst zuwandte. Als Pionier der generativen Kunst war Herberts kreatives und theoretisches Werk wirklich wegweisend. In Zusammenarbeit mit Goldsmiths Computational Arts freuen wir uns deshalb sehr, ihn mit diesem Projekt zu ehren, das seine Vision in die neue Ära der KI-Kunst überführt.“ Susanne Päch ergänzt: „Es ist großartig, dass die Stiftung das Projekt zu Herberts 100. Geburstag mit diesem Wunschteam umsetzen kann. Denn William gehörte zu jenen Künstlern, dessen Arbeiten Herbert über Jahrzehnte verfolgt und bewundert hat. Ich danke allen Beteiligten ganz herzlich.“
Mehr über die Künstlerin Huichuan Wang

Huichuan Wang ist eine in London ansässige Künstlerin und Creative Technologistin, deren künstlerische Praxis eine Brücke zwischen Malerei und rechnergestützten Systemen schlägt – mittels einer Methodik, die sie als „Techno-Craft“ bezeichnet. Sie erforscht, wie die Granularität der physischen Welt innerhalb des digitalen Raums bewahrt werden kann und untersucht dabei das symbiotische Potenzial menschlicher Intuition und maschineller Intelligenz. Ihre Auseinandersetzung mit Frankes Werk führt diese Untersuchung fort: Während Franke bestrebt war, mathematische Strukturen mit ästhetischer Form zu vereinen, erweitert Huichuan diesen Gedanken, indem sie seinen abstrakten multidimensionalen Räumen nun mithilfe von KI eine visuelle und zeitliche Verkörperung verleiht.
Huichuan erwarb einen BA in Visueller Kommunikation an der Central Academy of Fine Arts (CAFA) in Peking sowie einen MFA in Computational Arts am Goldsmiths College der University of London. Sie hat international in führenden Institutionen ausgestellt – darunter das V&A Museum (London) und das CAFA Museum (Peking) – und war an Gemeinschaftsprojekten beteiligt, die mit dem Lumen Prize und dem Prix Ars Electronica ausgezeichnet wurden. Neben ihrer künstlerischen Arbeit im Atelier engagiert sie sich intensiv im akademischen Diskurs; derzeit lehrt sie am Goldsmiths College, nachdem sie zuvor als Gastdozentin an der CAFA tätig war.


