Herbert W. Frankes erste kuratierte Ausstellung von 1968
Die vom MIT und der TU Berlin veranstaltete Sommerkonferenz Der Computer in der Universität im Jahr 1968 gilt heute als historischer Meilenstein, mit dem das MIT seine Erfahrungen mit Multi-User-Systemen an die deutsche Wissenschaft weitergeben wollte. Über 1.000 Spitzenforscher legten hier den Grundstein für die Anerkennung der Informatik als eigenständige wissenschaftliche Disziplin in Deutschland. Begleitend fand mit Kunst aus dem Computer eine der weltweit ersten Ausstellungen für Computerkunst statt.

Die Veranstaltung verfolgte im Kalten Krieg auch ein politisches Ziel: Sie sollte die wissenschaftliche Vormachtstellung des Westens im isolierten West-Berlin stärken. Der Kongress lag in der Hochphase der 1968er-Studentenproteste in Berlin. Tatsächlich stürmten Studenten zeitweise das Audimax und forderten politische Diskussionen. Unter anderem stellten sie sich strikt gegen den Einsatz dieser Technologien, auch in der Forschung. Über den politischen Protest hinaus galt der Einzug des Computers in die Kulturlandschaft als massive Provokation des traditionellen Geniekults. Kritiker befürchteten durch die Verbindung von Kunst und Maschine einen Untergang kultureller Werte, während etablierte Künstler um den Status ihrer Arbeit bangten.

Der Wissenschafts-Kongress zeigte aber auch weniger politisch aufgeladene Themen – wie zum Beispiel die nur wenige Experten interessierende Frage, wie sich Digitaltechnik für die ästhetische Forschung, die Informationsästhetik einsetzen ließe. Im Bereich Computer und Bildende Kunst hieten unter der Leitung von Max Bill, Mitbegründer der berühmten Bauhaus-Nachfolgerin, der Ulmer Hochschule für Gestaltung, hielten Max Bense, Herbert W. Franke, Frieder Nake und Konrad Zuse Fachvorträge.
Frankes Pionier-Ausstellung Wege zur Computerkunst
Herbert W. Franke nahm die Einladung als Vortragender zur Veranstaltung zum Anlass, ein Rahmenprogramm mit einer Ausstellung über die Wege zur Computerkunst vorzuschlagen. Sie gilt heute als eine der weltweit ersten Ausstellungen über Computerkunst.

Das Konzept wurde angenommen und unter dem Titel Kunst aus dem Computer integriert. Diese Ausstellung war der Nukleus von Frankes weltweitrn Ausstellungstour Wege zur Computerkunst. Flankiert wurde diese frühe Phase durch Frankes theoretische Pionierarbeit: 1971 veröffentlichte er im Bruckmann Verlag die erste Auflage seines Buches Computergraphik – Computerkunst. Es gilt heute als das weltweit erste umfassende Lehrbuch und Kompendium, das dieser sich gerade erst herausbildenden Kunstrichtung ein methodisches Fundament gab.
Im Anhang des Konferenzbandes schreibt Gerd Klemm:
„Diese Ausstellung soll weder Akzente setzen noch bestimmte Normen für die Gültigkeit des zeitgenössischen Kunstschaffens vorgeben. Sie soll auch nicht eine bestimmte Kunstrichtung deklamieren, sondern Anregung zu einer geistigen – aber auch visuellen – Auseinandersetzung sein.“



Die Exponate der Ausstellung folgten Frankes Konzept, nach dem es nicht auf die eingesetzte Technologie, sondern ausschließlich auf das konstruktive Element ankam, das diese neue Form der Kunst ausmachte. Allerdings war ihm früh bewusst, dass der Computer als universelle Kunstmaschine einen ungeheuren Vorteil gegenüber allen anderen künstlerischen Methoden und Techniken bot. Zu sehen waren Werke von Klaus Basset (konkrete Kunst), Herbert W. Franke (elektronische Grafiken), Hans Geipel (konkrete Kunst), Manfred Gräf (konkrete Kunst), Hein Gravenhorst (generative Fotografie), Gottfried Jäger (generative Fotografie), Wolfgang Ludwig (Op-Art-Kunst), Frieder Nake (Computerkunst), Georg Nees (Computerkunst), Eugen Roth (generative Plastiken).
Folge-Ausstellungen zwischen 1969 und 1972 in Deutschland und der Schweiz
Die Ausstellung war nach Berlin unter Frankes ursprünglichem Titel Auf dem Wege zur Computerkunst oder auch nur kurz Wege zur Computerkunst zwischen 1969 und 1972 in mehreren Städten zu sehen, darunter auch beim Deutschen Ärztekongress in Davos 1970 mit mehreren tausend Teilnehmern:
+++ Karlsruhe – Universität Karlsruhe (Oktober 1969), 2. Karlsruher Tage für Experimentelle Kunst und Kunstwissenschaft
+++ Davos – Kongresshalle, (März 1970) in Verbindung mit einem historisch bedeutenden Ärztekongress der Deutschen Ärztekammer, bei dem am 13. März 1970 auch das historische Ereignis der ersten Videokonferenz Medizin Interkontinental stattfand. Gesponsert von der Bundesärztekammer, verband sie US-Luftfahrtmedizin-Experten in Houston per Satellitenfernsehen mit 25.000 Ärzten in europäischen Kongresszentren wie Davos als ersten erfolgreichen Machbarkeitstest für interkontinentale medizinische Fortbildung
+++ Kiel – Brunswiker Pavillon (Mai-Juni 1970), kombiniert mit einem Seminar gleichen Titels an der Kieler Hochschule für Gestaltung
+++ Offenbach – Werkkunstschule Offenbach (November 1970) die heutige Hochschule für Gestaltung, im Rahmen der Jahresausstellung der Studierenden und Lehrenden
+++ Berlin – Internationales Design-Zentrum IDZ (Februar-April 1971) mit begleitenden Diskussionsabenden, Vorträgen und vertiefenden Führungen
+++ Bielefeld – Kunsthalle Bielefeld (Mai-Juni 1972)
+++ Göttingen – Stadthalle (Juni 1972), im Rahmen des 3. Kunstmarkts Göttingen / Kunstkongreß 1972
Die Eventreihe Der Computer in der Raumgestaltung von 1972
1972 entstand in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls zukunftsfreudigen Werbedesigner Jean-Pierre Salzmann aus der Schweiz ein Ableger gleichen Titels Wege zur Computerkunst, und zwar verbunden mit einer Serie regionaler Fachtagungen in repräsentativen Showrooms an Industrie-Standorten der Sponsoren arterior textile/Vorwerk und Zeda (EDV-Unternehmen), beide aus Deutschland, sowie Contraves (Rüstungs- und Automations-Konzern) und Schuster + Co. (großes Einrichtungs- und Raumplanungs-Unternehmen) aus der Schweiz. Titel der Vernastaltung war Der Computer als neues Instrument der Raumgestaltung. In sechs Städten kamen Architekten, Stadtplaner, Designer und Ingenieure zu einer regionalen Tages-Veranstaltung zusammen. An jedem der sechs Standorte war für mindestens zwei Tage auch die Ausstellung Wege zur Computerkunst mit Bildern von Klaus, Basset, Pierre Cordier, Hein Gravenhorst, Karl M. Holzhäuser, Gottfried Jäger, Manfred Mohr, Fireder Nake, Georg Nees, Karl Siebig und Ludwig Rase öffentlich zugänglich. Dem Fachpublikum der Veranstaltung sollte darüber hinaus direkt vor Ort gezeigt werden, was mit Computern bereits möglich war und wie sie kreative sowie raumgestaltende Aufgaben übernehmen konnten. Die Bilder der bisherigen Ausstellung wurden von den beiden Kuratoren durch fachspezifische Exponate ergänzt. Integriert wurden auch Arbeiten der Firmen-Sponsoren Sie zeigten unter anderem programmierte Webmuster und algorithmisch gestaltete Wandbespannungen.
+++ Zürich (20.-21.11.72)
+++ Basel (22.-23.11.72)
+++ Stuttgart (29.11.-3.12.72)
+++ München (27.-28.11. 72)
+++ Düsseldorf (4.-5.12.72 )
+++ Hamburg (6.-7.12.72)

Beginn der Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut
Schon 1972 begann Frankes Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut – ebenfalls auf der Grundlage der 1968 in Berlin gezeigten Ausstellung. Die ersten beiden Auslands-Stationen waren bereits 1972 in Kairo und Alexandria, gefolgt von einer Ausstellungsreihe in Porte Alegro, Sao Paolo, Belo Horizonte, Brasilia, Rio de Janeiro, Salvador und Curatiba, sowie in Bordeaux (SIGMA 9, 1973), Marseille, Angers, London und Tokio.

Im Jahr 1975 erhielt Franke dann vom Goethe-Institut den Auftrag für eine deutlich ausgebaute Neukonzeption von Wege zur Computerkunst. Sie sollte ab 1976 die Nachfolge-Ausstellung von The Eye of Tomorrow der hannoverschen Galerie Clarissa werden, die unter dem Titel Impulse seit 1972 ebenfalls vom Goethe-Institut weltweit gezeigt worden war. Auch bei dieser Ausstellung hatte Herbert W. Franke bereits beratend mitgewirkt, die Redaktion des gesamten Katalogs gestemmt, den einführenden Text verfasst und trat mehrfach im Rahmenprogramm der Ausstellungen auf. Frankes erweiterte Ausstellung Wege zur Computerkunst wurde von 1976 bis 1989 rund 200 Mal weltweit präsentiert.
Musealer Verbleib der historischen Exponate
Die im Zuge dieser frühen Phase und nachfolgender Projekte zusammengetragenen Pionierarbeiten fanden im neuen Jahrtausend eine dauerhafte museale Heimat. Seit 2006 befindet sich dieser Teil der wertvollen Sammlung Herbert W. Franke im Kupferstichkabinett der Kunsthalle Bremen. Sie wurde mit einer großen Jubiläumsausstellung Ex Machina – Frühe Computerkunst bis 1979 anlässlich Frankes 80. Geburstags öffentlich gewürdigt.


