Der europäische Big Bang der Computerkunst








Herbert W. Frankes Publizistische Aktivitäten in den 1970er Jahren
Wanderausstellung „Wege zur Computerkunst“ und Publikation „Computergraphik – Computerkunst“

1965 gilt als das „Geburtsjahr“ der weltweiten Computerkunst. Als freischaffender Künstler hatte Herbert W. Franke damals noch keinen Zugang zu einem Computer. Theoretisch hatte er sich mit dem Thema allerdings schon seit den 1950er Jahren befasst, in denen er mit einem Analogrechner algorithmisch generierte Oszillogramme erzeugte. Erst 1969 war es ihm möglich geworden, mit Georg Färber, damals noch Post-Doc am Institut für Nachrichtentechnik der TU München, Zugang zu einem digital arbeitenden Computer zu erhalten. Franke hatte Färber 1966 bei den Alpbacher Hochschulwochen kennengelernt, bei denen Franke ein Symposium über rationale Ästhetik hielt und ebenso die Bilder seinerAustellung von 1959 im Museum für Angewandte Kunst zeigte. 1967 erhielt er von Färber den Zugang zu einem Computersystem, das mit einem Plotter ausgestattet war. Frankes ikonische Quadrate enstanden. Unabhängig von seinen eigenen kreativen Aktivitäten stellte Franke die Kunstform in statu nascendi in den Kontext eines größer gefassten Verständnisses generativer Kunst, in deren Zentrum die rationale Näherung an den vorgelagerten künstlerischen Schöpfungsprozess im Zentrum stand, nicht aber die technischen Hilsmittel, mit denen sdieser umgesetzt wurde. Dieser Ansatz war die Grundlage für ein Ausstellungskonzept, zu dem er Künstler unterschiedlicher Richtungen von der konkreten Malerei über die Foto- bis zur Computer-Kunst einlud. Er nannte diese Ausstellung, rational-analytisch wie er dachte, Wege zur Computerkunst. Es gelang Franke bereits 1968, die Ausstellung in der wegweisenden Sommerkonferenz des MIT und der TU Berlin The Computer in the University / Der Computer in der Universität im Rahmenprogramm zu platzieren. Die von ihm initiierte folgende Tournee der Wege zur Computerkunst führte durch deutsche und schweizer Städte. Bereits 1971, auch dem Erscheinungsjahr seines Buches Computergraphik – Computerkunst / Computer Graphics – Computer Art, führte sie zu einer Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut. Bis 1986 sollte die Ausstellung – ab 1975 in einem von Franke erweiterten Konzept – in rund 150 Städten weltweit zu einem entscheidenden historischen Wendepunkt in der Verschmelzung von Technologie und digitaler Ästhetik werden.
Rahmenprogramm des Medizinkongresses mit der weltweit ersten interkontinentalen Telemedizin-Übertragung 1970

Die prominenteste Ausstellung von Wege zur Computerkunst fand im März 1970 in der Neuen Kongresshalle in Davos (Schweiz) statt – als Rahmenprogramm des Medizinkkonresses, der von über 3.000 Teilnehmern besucht wurde. Teil des Programms war am 13. März 1970 die weltweit erste TV-Telekonferenz Medizin Interkontinental.
Diese erste interkontinentale Telemedizin-Veranstaltung in der damals brandneuen Neuen Kongresshalle in Davos war ein technologisches und logistisches Meisterwerk des Kalten Krieges und der frühen Satellitenära. Ursprünglich sollte die Live-Übertragung technologisch noch spektakulärer werden. Das Programm von Medizin Interkontinental war so präzise getaktet geplant, dass biomedizinische Live-Daten von Astronauten, die sich in diesem Moment in einer Apollo-Kapsel auf dem Weg zum Mond befinden sollten, erstmals an mehrere TV-Stationen übertragen werden sollten! Das europäische medizinische Publikum sollte den NASA-Ärzten praktisch in Echtzeit an unterschiedlichen Standorten mit dem Empfang der telemetrischen Daten über die Schulter schauen können.
Der äußerst ehrgeizige Originalplan scheiterte jedoch knapp an den Realitäten der Raumfahrt: Die NASA musste den Start der Apollo-13-Mission aufgrund technischer Probleme auf den 11. April verschieben, sodass die März-Konferenz ohne den Live-Telemetrie-Teil aus dem Weltall stattfinden musste. Während 3.000 Ärzte persönlich in der Davoser Kongresshalle anwesend waren, konnten der Satelliten-Televisionsübertragung aus Houston weitere 25.000 Mediziner in zahlreichen europäischen Kongresszentren wie Köln, München und Wien in Echtzeit beiwohnen.



Auch ohne die Übertragung der Livedaten aus dem Weltraum wurde die Aktion von der Fachwelt als erster interkontinentaller Live-Austausch über TV weltweit gefeiert. Technische wurde sie in einer internationalen Zusammenarbeit von NASA, dem Satellitenbetreiber Intelsat, der damaligen (noch nicht privatisierten) Deutschen Bundespost und der Schweizer PTT ermöglicht. Der Kongress wurde von der Bundesärztekammer unter dem Vorsitz des Kölner Arztes J. van de Loo organisiert.
Im Jahr 1971: Die Ausstellung bei der IDZ Berlin und die erste Veröffentlichung

Im Jahr 1971 wurde die Ausstellung zudem vom angesehenen Internationalen Design-Zentrum (IDZ) in Berlin ausgerichtet, wo sie von Podiumsdiskussionen, Vorträgen und vertiefenden Führungen begleitet wurde. Flankiert wurde die Ausstellung von Frankes wegweisender theoretischer Arbeit: 1971 veröffentlichte er die Erstauflage seines Buches Computergraphik – Computerkunst / Computer Graphics – Computer Art im Bruckmann Verllag und bei Phaidon. Es sollte zum weltweit ersten umfassenden Lehrbuch und Kompendium über diese neue Kunstbewegung wurde. Es wird im Oktober in der „Edition Herbert W. Franke“ im Deutschen Kunstverlag erscheinen.
Weitere Stationen von Wege zur Computerkunst in diesen frühen 1970er Jahren waren Karlsruhe, Kiel, Offenbach, Bielefeld und Göttingen. Die öffentlichen zugängliche Ausstellung Wege zur Computerkunst wurde auch in deutschen und schweizer Städten als Programm der regionalen Fachsymposien Der Computer als neues Instrument der Raumgestaltung gezeigt. 1971 begann schließlich Frankes Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut – ebenfalls auf der Grundlage der 1968 in Berlin gezeigten Ausstellung. Die ersten beiden Auslands-Stationen waren ab Ende 1971 in Kairo und Alexandria, gefolgt von einer Ausstellungsreihe 1973 in Porte Alegro, Sao Paolo (im Rahmen der Ausstellung im Rahmen der Arteonica), Belo Horizonte, Brasilia, Rio de Janeiro, Salvador und Curitiba. Weitere Ausstellungen in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Instut folgten 1973 in Bordeaux sowie in Angers und Toulouse. Mehr zu den Veranstaltungen Der Computer als neues Instrument der Raumgestaltung sowie der frühen Wanderausstellung „Wege zur Computerkunst“ zwischen 1971 und 73 in unserer Meldung Auf dem Weg zur Computerkunst. 1975 konzipierte Franke im Auftrag des Goethe-Institutes dann die erweiterte Wanderausstellung gleichen Titels, die in rund 150 Städten weltweit gezeigt wurde.
Zur Neuerscheinung „Computergrafik – Computerkunst“
Computergrafik – Computerkunst / Computer Graphics – Computer Art gilt heute als Meilenstein der Auseinandersetzung mit dieser seinerzeit noch jungen Kunstform. Herbert W. Franke stellt diese frühen Ergebnisse bereits 1971 in ihren historischen und theoretischen Kontext und dachte sie weit voraus – bis in die multimediale Zukunft. Das Spektrum seines Textes reicht von der systematischen Beschreibung der damals verfügbaren Technologien über grundlegende informationsästhetische Überlegungen bis hin zur Präsentation von über 80 Werken, die heute als Ikonen der Computerkunst gelten. Das Buch hat Generationen von Kunstschaffenden inspiriert, den kunsttheoretischen Diskurs nachhaltig geprägt und bis heute nicht an Faszination verloren. Ergänzt wird die Neuauflage Computergrafik – Computerkunst / Computer Graphics – Computer Art als zweiter Band der Edition Herbert W. Franke durch weitere programmatische Texte des Autors sowie wissenschaftliche Kommentare des Medienkunsttheoretikers Grand D. Taylor und dem Informatiker Martin Warnke (Leuphana Universität), die die Bedeutung seines Werkes grundlegend einordnen.
Taylor beschreibt das Buch in seinem Beitrag The Generative Impulse als „a groundbreaking achievement, a pioneering survey, and a lasting testament to the creative possibilities of emerging technologies“. Taylor betont den bleibenden Charakter von Computergrafik – Computerkunst, das bis heute für die generative Kunst relevant geblieben ist, wenn er schreibt: „Over the decades, it has been included in all primary selected bibliographies, firmly establishing its canonical status. However, its significance goes beyond its role as a foundational reference. … Franke’s vision has significantly contributed to the definition of the field, and his legacy continues to influence our comprehension of the dynamic interplay among the realms of art, science, and technology.“ Warnke wirft in Understanding Herbert W. Franke’s Computergraphik –Computerkunst zudem einen Blick in die Zeit der Entstehung des Buches und den darin vorgestellten Werken: sie war geprägt von großen Maschinen, deren Zugang nur große Institutionen geben konnten. Künstler fanden selten Möglichkeiten, zeigten aber gleichzeitig wenig Interesse, der Kunstbetrieb blieb völlig desdinteressiert. Warnke contextualisiert auch die Bedeutung des Buches in der aktuellen Kunstlandschaft: „Franke’s theories and observations from that time could provide explanatory approaches for today.“

