Zum Inhalt springen
Startseite » Virtuelle Welten unter der Kuppel

Virtuelle Welten unter der Kuppel

Die art meets science – Stiftung Herbert W. Franke hat 2026 einen SF-Zyklus mit drei Kurzgeschichten von Franke für den Fulldome sowie immersive Theater produziert. Sie werden im Geburstagsjahr im Rahmen der Eventreihe HWF 100 mehrfach gezeigt. Die utopischen Werke des Physikers Herbert W. Franke, längst ein SF-Klassiker, drehen sich um die großen Fragen der Menschheit: Hat das Universum ein Ziel? Und gibt es einen Schöpfer? Wie könnte man sich ihn vorstellen?

In A Leap into the Void steht Frederik, der Protagonist der Handlung, in einem inneren Konflikt zwischen Glauben und Wissen. Ein Prophet ermutigt eine Gruppe von Menschen, in einen nebelverhangenen Abgrund zu springen. Seine Botschaft: „Ihr könnt fliegen! Ihr müsst nur daran glauben!“ Doch Frederik will auch als Letzter nicht springen, ehe dann das Geheimnis seiner Existenz in einer dramatischen Wendung gelüftet wird. In The Green Comet, Titelgeschichte der gleichnamigen Anthologie, stellt der Autor den Weltenschöpfer als multidimensionales abstraktes Prinzip vor. Und in The Evolution Game zeigt Franke einen Weltenprogrammierer, den man als eine Art göttlichen Computergamer bezeichnen könnte.

The Green Comet
The Evolution Game
A Leap into the Void Zufallsprozesse

Hinter diesen drei Stories stehen Frankes Gedanken zum P-Prinzip, das er in einem naturphilosopischen Buch gleichen Titels 1995 bei Insel veröffentlichte. Es wird 2027 als dritter Band der zweisprachigen Edition Herbert W. Franke erscheinen, erstmals auch in englischer Sprache.

In der modernen Naturwissenschaft gilt das Zusammenwirken von Naturgesetzen und Chaos heute als grundlegendes Prinzip der Musterbildung, Evolution und Lebenserhaltung: das Konzept des deterministischen Chaos, auf dessen Grundlage die Selbstorganisation der Materie basiert. Mit den Forschungen von Edward Lorenz lassen sich die in diesem deterministischen Chaos existierenden versteckten Strukturen mathematisch berechnen (mit dem sogenannten Lorenz-Attraktor). Dem steht allerdings das nicht berechenbare Chaos eines reinen Rauschens gegenüber, das über Quantenprozesse in die Welt kommt. Für Franke war das der Ausgangspunkt seiner Gedankenspiele zum P-Prinzip. Er dachte ein Zusammenspiel von Naturgesetzen der Makro- und Mikrowelt mit den echten Zufallsprozessen der zugrundeliegenden Quantenwelt konsequent auf einer höheren Ebene weiter: mit einer den Gesetzen und dem echten Chaos informationstheoretisch überlagerten Regelungsstruktur. Diese übergeordnete Moderation des P-Prinzips sorgt zudem dafür, dass die Evolution des Kosmos eine klare Richtung erhält: steigende Komplexität. Das universale Programm lässt das Chaos an den Stellen zu, an denen Innovation, Evolution und biologische Vielfalt entstehen sollen (z. B. bei Mutationen). So erhält die Entwicklung des Kosmos ein teleologisches Prinzip, das zwangsläufig zu Bewusstsein und intelligenten Strukturen in diesem rechnenden Raum führt. Siehe dazu auch das Stiftungs-Projekt gemeinsam mit dem Techischen Museum Wien.

P-Principle Cellular Automata

Mit den eindimensionalen zellularen Automaten hat Franke nicht nur unterschiedliche Weltmodelle mit und ohne „echte“ Zufallsprozesse simuliert, sondern als Künstler durch die Wahl der Farben auch versucht, diese in eindrucksvolle visuelle Strukturen umzusetzen. Allerdings hat sich Franke als theoretischer Physiker im P-Prinzip selbst praktisch nicht mit der Frage befasst, ob es für diese teleologische Welt einen Schöpfer braucht. Für ihn hörte die Wissenschaft dort auf, wo Hypothesen nicht empirisch überprüfbar oder theoretisch modellierbar sind – wo also die Methaphysik des mathematisch Unendlichen beginnt. Dagegen hielt er dieses Terrain für ein Feld, in dem der Künstler die Grenzen nachweisbarer Fakten hinter sich lassen und unterschiedliche Modelle kreativ „durchspielen“ kann. Bei Franke auch in utopischen Geschichten …